Der Dorfname Kolochau

(von F. Stoy)

 

Urkundlich wird unser Ort erstmalig in einer Herzberger Urkunde vom Jahre 1334 genannt und Lochaw genannt. Dieselbe Bezeichnung tritt schon 1346 in der Meißner Bistumsmatrikel auf. Das damit bestimmt unser heutiges Kolochau gemeint ist, geht aus der Reihenfolge der darin aufgezählten Pariochien der Sedes Schlieben hervor: Wildennaw, Malbezkendorff, Lochaw, Schonewalde, Lebusse.

 

Kolochau war also damals ein Lochaw, Lochow, Lochau. Nun gab es nicht gerade sehr entfernt davon noch einen Ort gleichen Namens: das Lochau, an das der Name Lochauer Heide noch erinnert, das heutige Annaburg. So wurde es nach der Kurfürstin Anna genannt, als hier ihr Lieblingswohnsitz in einem schönen Schloss war. Dieses Lochau kam zu größerer Bedeutung und wurde mehr genannt. Das war schon so im 14. Jahrhundert. Die noch wendische Bevölkerung mit ihrer wendischen Sprache mag da ihr Dorf, zum Unterschied vom anderen, Co-Lochaw genannt haben. Und wenn sie es nicht selber tat, schließlich hatte sie selber keine Veranlassung zu einer Erweiterung des Namens, so kam das Unterscheidungszeichen zum alten Namen durch die Obrigkeit. In der neuen Form, also als Co-Lochaw tritt der Ortsname 1474 auch auf.

 

1529 - Kulochau

1533 - Külochau

1545 - Kolocha

1555 - Kulochaw

1577 - Kolochaw, Collochau, Kollochau

1602 - Kohllochaw, Kollochau

1618 - Kolochaw, Kolochau

1672 - Colochau

Das ist eine bunte Reihe.

 

Was bedeutet die Bezeichnung, die doch gar nicht deutsch klingt? Lochow, Lochaw, Locha ist das selbe wie lugaw, luga, luch und das bedeutet Grassumpf, Wiesenbruch. ‚Co' heißt ‚am'. - Die Bezeichnung ‚Am Wiesenbruch' passt bestens zur Lage und zur Beschaffenheit des Geländes, zur gesamten Umgebung der Gegend. Alles Wiesenland östlich der Dorflage war einst nur Busch mit Weiden und Erlen, ein Teil des großen Schliebener Beckens. Sogar die nördliche Schmalseite des Dorfes war von Wiesen eingefasst. In Ihnen hatte sich auf einer Erhebung, die inselartig aus dem Sumpf herausragte, die wendische Bevölkerung eine Zufluchtstätte in einem Burgwall geschaffen. Die Reste der Anlage sind noch heute zu erkennen, allerdings nicht mehr als Rundwall. Der Pflug hat nach und nach alles eingeebnet. Vor der Separation haben hier Dorf und Gutsherrschaft Obstanlagen gehabt. (Siehe über diesen Burgwall die Flurnamen).

 

Der Burgert, wie ihn die Leute auch nannten, hatte gewiss nur örtliche Bedeutung. Er war nur so groß, um bei Notzeiten die heimischen Menschen aufzunehmen. Dorf und Burgwall mögen wohl gleichzeitig entstanden sein. Doch wird von Forschern für hier und ähnliche Fälle auch angenommen, dass die Erdbefestigung eines Rundwalles in der Nähe eines Dorfes immer das Ursprüngliche, das Erste gewesen sei. In seiner Nähe wären später bequeme Wohnstätten für Mensch und Vieh errichtet worden, weil im Ringwall zu wenig Platz war. Wenn sich die Sippe - die wendischen Siedlungen waren ja meist nur Sippengründungen - vergrößerte, musste neuer Wohnplatz geschaffen werden. Und dann hätte man in der Nähe gebaut und sich nach der alten Form gerichtet. Die war gut. Mit einem Eingang und rings von Sumpf umgeben, war man geschützt. Man wollte es auch sein und legte das Dorf in Ringform an: ein Rundling mit einem Ein- und Ausgang an der trockenen Flurseite. Die Flurstücke konnten sich hinter den Höfen strahlenförmig ausdehnen. War eine Kreisform mit einem Dorfteich in der Mitte als Viehtränke nicht möglich, dann wählte man - dem Kreise nahestehend- die Hufeisenform. Wenn das Gelände dies aber auch nicht zuließ, wurde eine gestreckte Form gewählt. Doch immer geschlossen - also Dreieck oder Viereck und immer sowenig Ein- und Ausgänge wie möglich. Das Dorf war eine Schutzform.

 

Und wie war das bei uns? Also man nimmt an, dass der Burgert da draußen die erste Siedlung war. Dann hätte diese den alten Namen mit Recht getragen - sie lag im Sumpf. Das danach entstandene eigentliche Dorf Co Locha hätte ‚Am Sumpf' gelegen.

 

Der weite Wiesensumpf an zwei Seiten der Dorflage hat natürlich nicht die Anlage eines Rundlings gestattet, sondern zwang zum länglichen Aufriss, der wie ein gestrecktes, etwas schiefes Rechteck aussah. Der bald eine Dreiecksform hatte. Häuser und Höfe entstanden um einen Anger und Dorfteich.

 

Diese Dorfform ist im Kreis öfters anzutreffen und ist ebenso wendisch, slawisch wie der Rundling, der sich nur dort bildete, wo es die Natur gestattete. Rundlinge waren nur erschwert erweiterungsfähig. Das Rechteck wird durch folgende Merkmale als charakteristisch slawisch gekennzeichnet:

1) geschlossene Lage,

2) ein freier Dorfplatz,

3) Gärtchen vor den ???

4) eine äußere Umwallung durch Hecke, Wall, Graben oder Weg.

Manchmal ist es nur eine Lehmmauer, meist ist es ein Weg ‚hinter dem Dorf'.

5) geringe Zahl der Ausfahrten und Eingänge zum Dorf. Es darf kein Bauer hinten heraus von

seinem Gehöft, auch wenn er so schneller auf seinem Feld wär.

Was davon Kolochau betrifft, sei im Kapitel: Wie sich die Dorfform veränderte, untersucht.

 

Zurück zur Namensform unseres Heimatdorfes. Klipp und klar wird es sich natürlich nie beweisen lassen, dass das Dorf nur eine Nachformung des alten Burgwalles ist. Umgekehrt könnte man beweisen, dass das Dorf bewohnt war und von seinen Menschen dann erst eine Schutzburg draußen vor der Siedlung errichtet wurde. Es kann Gefahr gedroht haben, die zu dem Werk zwang. Doch sei immer bedacht, dass ein solcher Rundwall auch religiöse Bedeutung hatte. Hier war der Platz, wo die Götter wohnten, wo man ihnen opferte. Bei den

Göttern fühlte sich der Mensch dann auch wohl, geborgen und geschützt.

 

Der Name Kolochau lässt noch eine andere Deutung zu, die aber doch mehr oder weniger mit der eben gebrachten zusammenhängt. Kolochau war, so nehmen wir jetzt als sicher an, einmal der Rundling, eben der Burgwall und damit des 1. Dorf, wenn auch ganz kleinen Umfangs. Der slawische Name für Rundling ist kulow, kulowace. Sollte damit der Name Kolochau nicht zusammenhängen? Der Heimatforscher Dr. Wagner aus Schlieben sagt, Kolochau müsste colo-lugow - d. h. um ein Lug herum, geschrieben werden. Fritz Stoy meint, dass der Name nicht zu der Lage stimmt. Denn um einen Sumpf herum, liegt das Dorf nicht, hat es auch nicht gestanden, wenn der Burgwall erstes Dorf war. Er meint, Kulow- lugow - d.h. Rundling im Lug, würde sich vertreten lassen.

 

Doch wie passt die urkundliche Form Lochau mit Kulow zusammen? Fr. Stoy ist der Ansicht, dass Lochaw nur die amtliche, kürzere Form des Namens darstellte. Bei den einfachen Dorfleuten aber bestand schon die Form Kololugaw, die zusammengezogen und abgeschliffen sehr wohl ein KOLOCHAU werden konnte. Die gebrauchte man amtlicherseits dann auch. Er meint: ‚ Ich kann mir nicht denken, dass die wendisch sprechenden einfachen Menschen, die das andere Lochau doch wohl gar nicht kannten, auf einmal die Vorsilbe Co vor ihren, ihnen so geläufigen Dorfnamen setzten, nur um eine Unterscheidung zu haben. Ihnen war die Form Cololugow schon immer gewöhnt. Das die amtliche Ortsbezeichnung eine andere, als die volkstümliche war, dafür lassen sich auch andere Beispiele erbringen. Die Sprechform mancher Ortsnamen ist ja heute auch eine ganz andere, als die Schreibform: litzschken, Joafel.'

 

In jener Zeit des 13. und 14. Jahrhundert, als sich nach und nach eine Umstellung der wendischen Sprache auf die deutsche Sprache vollzog, mag es zu mancher zweifachen Aussprache und später auch Schreibweise gekommen sein. Der Name KOLOCHAU hat nach dem 30 jährigen Krieg die Schreibart in KOLLOCHAU gefallen lassen müssen. Die Aussprache mit zwei L erwies sich als bequem, aber trotzdem fand man 1903 durch die Bemühungen des Pfarrers Bergin wieder zur alten Form zurück. Das ‚C' am Anfang hat dem ‚K' 1937 Platz machen müssen.